Kurzgeschichten


                                

 

Verletzungen in tiefster Seele

Vor wenigen Jahren musste ich mich, zwecks einer Meniskusoperation, für einen Tag in unser Regionalspital begeben. Das heisst, eigentlich eine kleine Operation und kaum der Rede wert. Gleichwohl erforderten aber die Umstände eine Vollnarkose. Vor dem Operationssaal angekommen, stellten sich mir noch der Narkosearzt und zwei Narkoseschwestern vor. Den Chirurgen kannte ich bereits seit der Vorabklärung. Vor und nach der Operation wurde ich ebenfalls durch mehrere Personen in hervorragender Weise betreut und versorgt. Bevor ich mich nach Hause begeben durfte, wurde ich noch mit einer ausreichenden Menge Schmerzmitteln versorgt. - Dies alles beeindruckte mich sehr und brachte mich zum Nachdenken. Dabei kam ich zu folgendem Vergleich:

Vor rund achtundfünfzig Jahren - ich befand mich damals im zweiten Schuljahr - brach ich beim Skifahren, auf dem Weg zur Schule, den linken Unterschenkel. Das heisst, ich weiss nicht mehr, war es das Schien- oder das Wadenbein. Ein Bauer, in rund hundert Meter Entfernung, hatte dies zu meinem Glück beobachtet. Er kam und holte mich ab, indem er mich auf seinen Armen den Hang hochtrug und in seiner Wohnstube auf den warmen Trittofen setzte. Ein weiteres Glück war, dass er ein Telefon besass. Er war damals weitherum der Einzige. Also konnte er den Arzt unten im Tal, im nächst gelegenen Dorf, etwa fünf Kilometer Tal auswärts, per Telefon avisieren. Dieser kam mich mit seinem Jeep abholen und führte mich nach seiner Praxis. Ausser einer Arztgehilfin bekam ich dort sonst niemand zu Gesicht. Die beiden legten mich auf einen Tisch. Die Arztgehilfin hielt mir einen übel riechenden Lappen vors Gesicht, worauf ich einschlief. Als ich wieder aufwachte, befand sich mein ganzes Bein, von den Zehen bis hinauf zur Leiste, in einem harten Gips.

Um mich bei der Arztpraxis abzuholen, erschien der Bauer, bei dem ich als Verdingbub untergebracht war, mit Pferd und Holzschlitten. Auf Wolldecken gepackt, fuhr er mich so nach Hause. Weil sich meine Kammer oben unter dem Dach befand und nur über eine schmale und sehr steile Treppe zu erreichen war, wurde mir in der Stube (Wohnzimmer) ein Bett hergerichtet. Unmittelbar darüber befand sich das Schlafgemach der Bäuerin und des Bauern.

In der folgenden Nacht bekam ich unsägliche Schmerzen und begann zu weinen. - Schliesslich war ich ja noch ein Kind. Dies hatte jedoch zur Folge, dass "meine Pflegeeltern" nicht schlafen konnten. Vermutlich hatten sie mir zugerufen, ich solle mich stille verhalten und vermutlich konnte ich nicht gehorchen. Plötzlich jedenfalls stand der Bauer neben meinem Bett und verabreichte mir nicht ein Schmerzmittel, sondern eine Tracht Prügel. Von diesem Augenblick an lernte ich zu weinen und zu schreien, ohne dass mich jemand hören konnte und dies gleich ob mich der Körper oder die Seele schmerzte!

Nach so vielen Jahren kommen in mir immer wiedr ähnliche Bilder und ähnliche Kindheitserinnerungen hoch, die ich bis heute offenbar nicht verarbeiten konnte und ich stelle fest, dass sie in mir tiefe Wunden hinterlassen haben!

 

26.10.2010, Peter Lanz

 

 

Unehelich geboren - eine Schande für Mutter und Kind

Zurzeit, als ich unehelich geboren wurde, war dies für Mutter und Kind eine grosse Schande! Weil ich als Kind nie ein wirkliches Zuhause hatte, musste ich häufig die Schule wechseln. Wenn ich dann wieder einmal in eine neue Klasse kam, wurde ich nach meiner Herkunft gefragt. Wenn mich zum Beispiel der Lehrer fragte: „Wie heisst dein Vater?“ und ich zur Antwort gab: „ich habe keinen Vater“, lachte die ganze Klasse und dann hörte ich etwa spöttisch sagen: „Der hat nicht einmal einen Vater!“ Dies zu erleben, war jedes Mal wahnsinnig schmerzhaft und ich wäre dann am liebsten auf „Nimmer wiedersehen“ davon gerannt! – In der Pause hiess es dann etwa, ich dürfe nicht spielen helfen, ich sei ja nur ein Verdingbub! War eine Turnstunde angesagt und es galt zuvor, zwei Mannschaften zu bilden, durften jeweils zwei Knaben die Leute für ihre Mannschaft aussuchen. Dabei blieb ich immer als Letzter übrig, weil mich niemand in seiner Mannschaft haben wollte. Und so lebte ich immer mehr für mich allein, zurückgezogen und abgesondert und hegte häufig auch Selbstmordgedanken. 
Als ich vom Alter her den kirchlichen Unterricht besuchen musste und wir in der Pause durch den Pfarrer aufgefordert wurden zu spielen, stand ich abseits und schaute bloss zu. Hierauf wurde ich von diesem Würdenträger richtiggehend zusammengestaucht! Ob ich mich zu schön und zu gut und weiss nicht mehr was alles fühle, dass ich den andern nicht beim Spielen helfe? Ich war sprachlos, geschockt und wie gelähmt, nahm aber trotzdem alle Kraft zusammen, um mich in irgend einer Form am Spiel zu beteiligen. - Leider habe ich bis heute nicht Spielen gelernt, das heisst, ich finde einfach keine Freude und keinen Spass daran!

Je älter ich nun werde, umso mehr holt mich die leidige Vergangenheit wieder ein! 

 

Später fragte ich mich oft, ob es wohl Zufall ist, was wir so alles erleben, oder ob da ein gewisser Plan dahinter steckt? Weshalb werden die einen in geordnete Verhältnisse hineingeboren und andere nicht? - Die einen leben friedlich in einem Land, „wo Milch und Honig fliesst“ und andere dort, wo Hungersnot und Krieg herrscht!

Persönlich glaube ich an einen allmächtigen und gerechten Gott und bei ihm suchte ich immer wieder nach einer Erklärung und die könnte wie folgt lauten:
In Der Bibel, als „Wort Gottes“, wird häufig auch von der Hölle gesprochen. Also muss es sie geben. Und so fragte ich mich schon oft, ob sich diese Hölle allenfalls sogar hier, bei uns auf der Erde, befindet? In der Bibel heisst es auch wiederholt, dass wir einmal für unser Tun auf Erden zur Verantwortung gezogen und allenfalls auch entsprechend bestraft würden. – Alles Dinge, die heute kaum mehr jemand als Wahrheit gelten lassen kann. Heute beziehen sich alle darauf, dass Jesus am Kreuz für uns gestorben sei und unsere Sünden dadurch getilgt seien. Dies ist aber nur bedingt richtig, denn Jesus betonte immer wieder: "Wer an mich glaubt ..." Das heisst, der Glaube an ihn ist die Voraussetzung für die Vergebung unserer Sünden! - Ich für mich denke aber, ob wir dies wahrhaben wollen oder nicht, an der Tatsache ändert sich schliesslich nichts!
Jesus, als Gottes Sohn, sagte einmal, die Pforte, die ins Himmelreich führe sei schmal, und nur wenige würden sie finden! Anderseits sei der Weg breit, der ins Verderben führe, und viele würden dort hingehen! – Dies würde meiner Meinung nach vieles erklären! - Daraus geht schliesslich hervor, dass wir wiedergeboren werden. Dass wir einerseits für unsere begangenen Sünden in einem früheren Leben bestraft werden, anderseits aber erneut die Chance erhalten, „die enge Pforte“, die ins Paradies führt, zu finden. Und dies „bis in alle Ewigkeit“. – Dies schliesst meiner Meinung nach „den jüngsten Tag“, der uns Christen verheissen wurde und auf den wir seit rund zwei Tausend Jahren warten, nicht aus!
 
 
 
                     
 
 
Du bist nichts und aus dir wird nichts!
 
Wie oft musste ich dies als Kind wohl hören? – Oft folgte noch die Ergänzung, ich sei sowieso dem Teufel vom Karren gefallen! Ich könne ja froh sein, bei ihnen sein zu dürfen, sonst wäre ich wohl in einer Erziehungsanstalt gelandet! Davor fürchtete ich mich sehr, denn unter einer Erziehungsanstalt stellte ich mir so etwas wie ein Gefängnis vor. Auch wurde mir immer mit meinem Vormund gedroht, der mich, wenn ich nicht gehorche, in ein Heim einliefern würde. - Dass ich einen Vormund hatte wusste ich, gesehen habe ich ihn jedoch nie. Das heisst, er kümmerte sich in keiner Weise um mich! - Dass aber dies alles mein Selbstvertrauen in keiner Weise zum Blühen bringen konnte, bedarf wohl keiner besonderen Erklärung!
Immer wenn sich jemand für mein Wohlergehen zu interessieren schien, wurde ich gefragt: "Sind die Leute recht zu dir -bekommst du genug zu essen?" Nach meinem seelischen Befinden wurde ich nie gefragt. Aber ehrlich gesagt, ich hätte mich nie getraut, etwas anderes zu sagen, als dass es mir gut gehe und die Leute recht zu mir seien! Auf die gleiche Weise fragte mich auf dem Schulweg auch einmal ein Mann, der sich mir als Pfarrer vorstellte. Einmal im Jahr würde er jede Familie seiner Pfarrgemeinde besuchen. In dieser Mission sei er auch heute unterwegs und soeben habe er gerade meine Pflegefamilie besucht. - Ja, ich fürchtete mich, ihm die Wahrheit zu sagen, weil ich sonst, wie mir häufig angedroht wurde, in eine Erziehungsanstalt kommen könnte!
 
Zwei Jahre war ich bei einem Bauer, von dem ich jeden Tag geschlagen wurde. Das erste Mal, wenn er mich morgens früh wecken kam und ich das Bett genässt hatte. Im Laufe des Tages bekam ich mehrmals, wegen jeder Kleinigkeit, Schläge. Das heisst, erst musste ich jeweils die Hosen herunterlassen. Dann erhielt ich Schläge auf den nackten Hintern und zwar mit Gegenständen, die dem Bauer gerade zur Hand waren. Dies konnte beispielsweise ein Stecken, ein Seil, ein Lederriemen oder ein Holzpfahl sein. – Dieser Bauer hatte einen Sohn, der etwa vier Jahre jünger war als ich und dies war, mir gegenüber, ein richtiger Teufel. Zum Beispiel sagte er zu seinem Vater, ich hätte ihm dies oder jenes zu Leide getan, obwohl es nicht stimmte. Sein Vater aber glaubte ihm stets und erteilte mir zur Strafe Schläge, worüber sich der kleine Unhold riesig freute.
 
Rund dreissig Jahre später machte ich mit meinem Sohn bei diesem Bauer und seiner Frau einen Besuch. Mein Sohn wunderte sich, dass ich dies konnte. Ja, ich konnte es und ich verspürte absolut keinen Hass gegenüber diesen Leuten, weil ich ihnen ihre Schuld längst vergeben hatte! – Erstaunlich ist aber, dass mich heute die seelischen Wunden, die mir als Kind zugefügt wurden, weit mehr schmerzen als die körperlichen!
Heute wird, wer einem Kind körperliche Gewalt zufügt, bestraft. Straffrei gehen nach wie vor diejenigen aus, die einem Kind seelischen Schaden zufügen! Dies wohl deshalb, weil ein solcher Schaden nicht unmittelbar nachgewiesen werden kann, sondern vielleicht erst nach Jahren!
 
 
 
 
                   
 
 
Wen interessiert dies schon?
 
Bei welchem Bauer ich auch war, ich musste von morgens früh bis abends spät arbeiten wie ein Knecht. Als ich viele Jahre später erfuhr, dass meine Mutter dem Bauer, der mich ständig schlug, jeden Monat für mich noch Kostgeld bezahlen musste, bekam ich einen Schreikrampf! - Unser Essen war dort sehr karg und bestand zur Hauptsache aus Kartoffeln und Haferbrei mit Spreu. Zudem war ich damals bestimmt kein grosser Esser.
 
Als Knabe trug ich in der Regel die ganze Woche Überkleider. Das heisst, für den Schulbesuch saubere und zu Hause die bereits beschmutzten. Schuhe hatte ich, nebst den Gummistiefeln, jeweils nur ein Paar. Man nannte sie Skischuhe, die ich im Sommer und im Winter trug. Hingegen waren sie nicht zu vergleichen mit Skischuhen, wie wir sie heute kennen! - Nachdem mir mit einer Schnur zu Hause die Fusslänge gemessen wurde, brachte man mir jeweils Schuhe vom Markt mit nach Hause. Das heisst, ich konnte meine neuen Schuhe nie erst anprobieren.
 
Ab meinem zehnten Lebensjahr teilte ich mein Schlafgemach mit dem Karrer und dem alten Reiswellenmacher. Die Toilette machten wir draussen am Brunnen – wenn überhaupt! Warmes Wasser gab es nicht und im Winter war der Waschlappen jeweils hart gefroren. Unter diesen Umständen unterliess ich es meistens auch, die Zähne zu putzen.
 
Wieso schreibe ich das? – Wen interessiert dies schon? - Heute ist heute, wir leben in einer anderen Zeit! – Was früher war, interessiert doch kaum noch jemand! – Ich weiss!
 

Da las ich doch vor längerer Zeit in unseren Medien wiederholt, ehemalige Verdingkinder möchten sich bei angegebener Adresse melden, weil sie durch den Staat, für das erlittene Unrecht, das ihnen über Jahre zugefügt wurde, rehabilitiert werden sollen! Als ich mich endlich durchringen konnte, mich auch zu melden, bekam ich zur Antwort, sie hätten bereits genügend Anmeldungen. Meine Geschichte werde deshalb nicht mehr benötigt.

Vergangenen Sommer las ich in der Coop- oder Migros-Zeitung einen Artikel, wonach die Universität St. Gallen, zwecks einer Studie, ehemalige Verdingkinder suche. Diesmal meldete ich mich umgehend und bekam zur Antwort, ich sei für ihre Studie zu jung. Sie suchten ehemalige Verdingkinder, die heute über siebzig Jahre alt sind.

Da frage ich mich, wie ernst dies mit der Rehabilitation und Wiedergutmachung wohl gemeint war? - Offensichtlich ging es dabei nicht um einzelne Personen, sondern lediglich um eine formelle Geste unseres Staates, der Allgemeinheit gegenüber!

 

 

 
 
 
 


Alle Mädchen trugen Zöpfe und eine Schürze.
 
 
 
Aus der Schule geplaudert
 
Als Verdingbub bei Bauern hatte ich immer einen sehr weiten Schulweg mit ziemlich grossem Höhenunterschied. Im Frühjahr, als ich vom dritten ins vierte Schuljahr kam, wechselte ich auch den Pflegeplatz. Das heisst, vom Hof, wo ich durch den Bauer täglich geschlagen wurde, kam ich an einen Ort, wo ich durch die junge Bäuerin täglich seelisch gemartert wurde. Aber davon will ich in diesem Kapitel nicht schreiben, sondern ich will, wie angekündigt, aus der Schule plaudern.
 
Als Viertklässler besuchte ich die Unterschule. So wurde die Klasse der Primarschule genannt, in der die Erst-, Zweit-, Dritt- und Viertklässler gemeinsam unterrichtet wurden. Normalerweise stellt sich in diesem Alter die Frage betreffs Wechsel in die Sekundarschule, was für mich zwar nie ein Thema war. Das heisst, schon aus geografischer Sicht wäre der betreffende Schulweg für mich nicht zu bewältigen gewesen. Also wechselte ich nach dem vierten Schuljahr in die Oberschule, wo Fünft-, Sechst-, Siebt-, Acht- und Neuntklässler im Unterricht vereint waren.
 
Wie schon gesagt, hatte ich einen weiten Schulweg und obwohl ich meistens rannte, kam ich fast täglich zu spät zum Unterricht. Zum Glück hatte ich einen sehr verständnisvollen Lehrer, den ich eigentlich sehr lieb hatte! Ich kann mich nicht erinnern, dass ich durch ihn wegen des Zuspätkommens jemals bestraft worden wäre.
Im Winter, wenn es viel Schnee hatte und nachmittags Schule war, reichte die Zeit für viele nicht, um über Mittag heim zu gehen. Also nahmen wir das Essen mit und verpflegten uns im Schulzimmer. In der Regel bestand mein Mittagessen aus Brot und sehr fettem Schweinefleich, einem Schweineschwanz, einem Schweinefuss oder einem Schweineohr. Ich denke, es waren immer Stücke, die zu Hause niemand gerne essen mochte. So bekam ich beispielsweise zum Frühstück die Fetzen, die sich auf der gekochten Vollmilch bildeten. In Mundart nannten wir diese Fetzen "Chüejer". Mit einer Gabel wischte die junge Bäuerin mir diese Fetzen jeweils in die Tasse und jedes Mal verspürte ich schon beim Zuschauen Ekel und Brechreiz. Dieser "Chüejer" war auch etwas, das sonst niemand essen mochte. Mit möglichst viel Brot bemühte ich mich dann, die Fetzen zu essen. - Inzwischen weiss ich, dass es auch Leute gibt, die den "Chüejer" mögen. Leider gehörte ich diesen nicht an!
 
Einen Stundenplan kannten wir nicht. Der Lehrer sagte jeweils von Stunde zu Stunde, was zu tun war. In der grossen Pause wartete im Schulhaus der Briefträger auf uns und verteilte an die Kinder Post, die sie dann nach der Schule mit auf die umliegenden Höfe nach Hause trugen. Das heisst, zuvor mussten aber abwechselnd noch die Klassenzimmer, der Gang und die Toiletten gereinigt werden, weil einen Hauswart oder eine Hauswartin gab es an dieser kleinen Schule nicht.
Wir hatten auch keine Turnhalle. Auf dem Pausenplatz standen lediglich eine Kletter- und eine Reckstange, sowie ein Stemmbalken. Eine Turnstunde sah dann etwa so aus: Nach der Pause kam der Lehrer zu uns und spielte mit uns Schlagball. Das heisst, über unser Spielfeld führte eine Strasse, auf der ab und zu auch ein Fahrzeug irgendeiner Art daher gefahren kam. Dies wurde aber nie von jemandem als ein Problem oder als gefährlich empfunden.
Unser Lehrer arbeitete auch für die Bernischen Kraftwerke BKW als Zählerableser. Bei schönem Wetter konnte es sein, dass wir mit ihm von Hof zu Hof wanderten und er dabei die dortigen Stromzähler inspizierte. Ich denke, dies galt für uns jeweils als Turnstunde.
Oder um Geld in die Schulkasse zu bekommen, was uns schliesslich eine Schulreise ermöglichen sollte, durften wir im Sommer während der Turnstunde Lindenblüten pflücken.
Es kam auch vor, dass wir, als Schulklasse, eine Reihe machten und einander Dachziegel vom Boden bis auf das Dach hinauf reichten. Anschliessend wurden wir durch den Hausbesitzer mit Tee, Brot und Käse belohnt. – Ob es dafür auch Geld in die Schulkasse gab, weiss ich nicht.
 
Im Sommer, während der Heuernte, war es üblich, nur bei Regenwetter zur Schule zu gehen. Bei Heuwetter fiel der Unterricht aus, damit die Kinder zu Hause brav mithelfen konnten! Im Zweifelsfall hängte der Lehrer auf dem Pausenplatz für alle gut sichtbar ein weisses Leinentuch hin, das für viele von weit her schon sichtbar war und über allfällige Frage Aufschluss gab.
 
Schriftliche Aufgaben für zu Hause bekamen wir zum Glück selten. Ich hätte kaum gewusst, wann ich diese hätte verrichten sollen. Mündliche Aufgaben machte ich nie. Einmal bekam ich Strafaufgaben aufgebrummt, die ich auf meinem Schulweg, der weit durch den Wald führte, erledigte.   
 
Zugegeben, von der obligatorischen Schulzeit her verfüge ich über keine grosse Allgemeinbildung. Wenn ich aber bedenke, welchem Stress heute die Lehrpersonen und die Kinder in der Schule ausgesetzt sind, frage ich mich manchmal, wie ich damals überhaupt lesen und schreiben lernen konnte? - Und darüber, was heute wegen einer solchen Schulführung, wie ich sie erlebt habe, alles in Gang gesetzt würde, dürfen sich Leserinnen und Leser selbst Gedanken machen!
 
 
 
 
 
Endlich die Erlösung
 
 
Im Sommer 1957 erlitt mein Cousin, der mir sehr nahe stand, im vierzehnten Lebensjahr einen tödlichen Badeunfall. Um die darauf folgende Weihnachtszeit  fragte mich mein Onkel, der zu Hause eine Schneiderei betrieb, ob ich zu ihm und meiner Tante kommen möchte, was ich mit grosser Freude bejahte! – Dies war für mich die Erlösung! Für mich folgte nun buchstäblich ein neues Leben, ein Leben in Freiheit!
 
Von nun an kämmte ich meine Haare, trug schöne Kleider und Halbschuhe. Ebenso Unterwäsche und nachts einen Schlafanzug, was ich bis dahin nicht kannte. Erst half ich in Haus und Garten, ja sogar in der Schneiderei und besorgte die anstehenden Botengänge, was ich eigentlich alles mit grosser Freude machte!
 
Nebenan befand sich ein Gasthof mit Metzgerei und einem dazugehörenden Landwirtschaftsbetrieb. Wie es dazu kam, weiss ich heute nicht mehr, aber bald war ich in der schulfreien Zeit fast nur noch dort. In der Metzgerei arbeitete ich als Ausläufer, im Gasthof holte ich Getränke vom Keller in die Gaststube und im Landwirtschaftsbetrieb half ich bei den Feldarbeiten. Insbesondere in der Metzgerei wurde ich für meinen Fleiss und für meinen Willen, helfen zu wollen, immer wieder gelobt, was ich zuvor in meinem Leben nicht kannte. Dies tat mir wohl und war Seelenbalsam für mein kärgliches Selbstwertgefühl! Auch hiess es immer wieder, aus mir könnte es einmal einen guten Metzger geben und so war für mich bald klar, dass ich nach Beendigung meiner Schulzeit eine Metzgerlehre antreten würde.
Dies alles entsprach aber vermutlich nicht den gehabten Vorstellungen und Erwartungen meiner Tante und meines Onkels! Und so kam es immer wieder zu Spannungen zwischen uns und schliesslich zu einem Streit, der dazu führte, dass ich die beiden, die es zweifellos gut mit mir meinten, wieder verliess.
 
 
 
 
      
 
 
Das „Asyl Gottesgnad“ wurde mein neues Zuhause
 
Jahre später wurde es „Emmentalisches Krankenheim“ genannt und heute sogar nur noch „dahlia Lenggen“, was auch immer dies heissen mag. – Ja, wer will denn heute noch in einem Krankenheim, oder gar in einem Asyl Gottesgnad wohnen? Dies kann niemandem mehr zugemutet werden! – Ich meinerseits fühlte mich dort sehr wohl und ich habe noch heute viele schöne Erinnerungen an diese Zeit!
 
Meine Mutter arbeitete dort seit Jahren als Schwesternhilfe und gelegentlich auch in der Wäscherei. Ein Pfarrer aus dem Dorf, der vermutlich auch Präsident des damaligen Verwaltungsrates war, gestattete meiner Mutter, mich nun zu sich zu nehmen. Das heisst, meine Mutter bewohnte in einem alten Nebengebäude, das als Personalhaus diente, ein kleines Zimmer und mir wurde oben im Estrich, unter dem Dach, ebenfalls ein kleines Zimmer zugeteilt, das ich für mich sehr passend und gemütlich einrichten durfte. - So kaufte ich mir beispielsweise wöchentlich das BRAVO, schnitt dort Bilder von Stars aus und schmückte mit diesen mein Zimmer. Freddy Quinn, dessen Lieder ich nicht nur besonders gerne hörte, sondern auch gerne sang, bekam in meinem Zimmer einen Ehrenplatz in Lebensgrösse!
 
Meine Mutter hätte schon Jahre früher eine Stelle bekommen, wo sie mich hätte zu sich nehmen dürfen. Damals verweigerte uns aber die betreffende Einwohnergemeinde „die Erwerbung des polizeilichen Wohnsitzes in der Gemeinde“, mit der Begründung, man müsse befürchten, dass wir der Gemeinde zur Last fallen könnten!
 
Nun aber wieder zurück ins Asyl Gottesgnad, von wo aus ich natürlich auch wieder zur Schule musste. - Von der kleinen Landschule, über die ich einiges berichtet habe, bis hin zur Schule im kleinen Dorf bei meinem Onkel, empfand ich schon eine rechte Steigerung. Während wir in der kleinen Schule auf dem Land bei Schulbeginn und bei Schulende abwechslungsweise ein Gebet sprachen, mussten wir in der Schule im kleinen Dorf am Morgen zu Beginn des Unterrichts mündlich rechnen. Das heisst, die ganze Klasse musste aufstehen. Der Lehrer sagte eine Rechnung und wer sie als Erste oder als Erster lösen konnte, durfte absitzen. Dies war total neu für mich und Kopfrechnen absolut nicht meine Stärke. Je länger es dauerte und je mehr Kinder um mich herum absitzen durften, je weniger gelang es mir, noch logisch denken und rechnen zu können. Und so blieb ich meistens bis zum Schluss stehen und schämte mich „über beide Ohren“! – Da kommt mir gerade noch eine andere Geschichte in den Sinn: Einmal hatten wir einen Stellvertreter und ein Schüler kam zu spät zur Schule. Er trat ins Schulzimmer ein und sagte: „Grüess di wou!“ Dies war für uns gängige Mundart und hiess übersetzt: „Grüss dich wohl!“ Der Lehrer fragte ihn: „Was hast du gesagt?“ Dieser wiederholte: „Grüess di wou!“ Hierauf erteilte ihm der Lehrer eine gewaltige Ohrfeige und niemand von unserer Klasse wusste weshalb. In der Pause begaben wir uns zum Lehrer und fragten ihn, weshalb er unseren Klassenkameraden geschlagen habe, worauf dieser antwortete, er hätte mit diesem „noch nie Schweine gehütet!“ Oder mit andern Worten, er sei mit diesem nicht per Du! Dies war für uns total neu und niemand von uns war sich dieser Sachlage bewusst!
Und nun, als Neuling im grossen Dorfschulhaus, wo jede Klasse ihr eigenes Zimmer hatte und uns zum Turnunterricht eine Turnhalle zur Verfügung stand, erlebte ich im letzten Schuljahr erneut eine gewaltige Steigerung! Auch von hier blieb mir eine Begebenheit in besonderer Erinnerung, die ich hier gerne erzählen möchte.
Im Sommer war mehrmals in der Badeanstalt Schulbaden angesagt. Da ich in meinem ganzen Leben noch nie baden war, konnte ich folglich auch nicht schwimmen und dafür schämte ich mich! Als ich gefragt wurde, ob ich schwimmen könne, sagte ich ja.
Beim Schwimmbassin angekommen überlegte ich mir kurz, wie ich mich nun verhalten soll, damit meine Lüge nicht erkannt wird. Also nahm ich mutig Anlauf und sprang Kopf voran in einer Ecke des Bassins ins Wasser, aber so, dass ich mich an einer Eckwand gleich wieder hochziehen und festhalten konnte. Nach dem ich meinen Mut bewiesen hatte, legte ich mich an die Sonne zum Trocknen und irgendwie brachte ich es fertig, dort liegen zu bleiben bis zum Schluss des „Badevergnügens“. Mir war klar, dass diese Täuschung kein zweites Mal mehr funktionieren könnte. Also meldete ich mich von nun an krank, wenn Schulbaden angesagt war. Dabei wunderte ich mich, dass dies dem Lehrer, den ich eigentlich als sehr streng empfand, nicht auffiel!
 
Im Asyl Gottesgnad, das durch Diakonissen-Schwestern geführt wurde, wurden sicher jeweils um die hundert Leute betreut und gepflegt. Dabei wurde zu einem grossen Teil Selbstversorgung angestrebt. Das heisst, zum Betrieb gehörte eine grosse Gärtnerei mit Gemüsebau, eine grosse Hofstatt mit Hochstammbäumen, freilebende Hühner und viele Kaninchen. Schliesslich wurden zur Abfallverwertung auch  eigene Schweine gehalten, gemästet und eigens verwertet.
 
Am Morgen, vor dem Frühstück, trafen sich alle Angestellten im Saal zur Morgenandacht, wo eine Tages-Losung gelesen, ein Lied gesungen und ein Gebet gesprochen wurde. Häufig durfte ich, auf Anweisung der Oberschwester, den Saal herrichten und im Gesangbuch ein passendes Lied aussuchen, worüber ich mich immer sehr freute! Besonders gerne half ich in der Küche. Aber auch auf der Männerabteilung und in der Waschküche. Das heisst, auf der Abteilung durfte ich Essen verteilen und Männer baden. In der Wäscherei und Glätterei half ich meiner Mutter, die dort seit einiger Zeit die Leitung übernehmen durfte. In der Gärtnerei dagegen sah man mich eher selten.
Einmal brach im Asyl Gottesgnad eine gefährliche Grippen-Epidemie aus und ich durfte einige Zeit nicht mehr zur Schule. Weil auch meine Mutter erkrankt war, führte ich einige Tage auch ihre Arbeit aus.
 
Überall wo ich mithalf, genoss ich Achtung und grosses Vertrauen. Ich spürte, dass man mich mochte! - Und so verbrachte ich auch später, bis ich nach Jahren heiratete, meine Ferien jeweils im Asyl Gottesgnad, indem ich dort, wo meine Hilfe gebraucht werden konnte, zur Stelle war.
 
 
 Meine ersten Lebensjahre 
 
Wovon ich bis jetzt noch nichts erzählt habe, ist die Zeit meiner ersten Lebensjahre, das heisst, bis ich bei einem Bauern als sogenannter Verdingbub platziert wurde. Also kehre ich zurück zum Beginn meines Lebens.
 
 
Meine Mutter in jungen Jahren.
 
Noch während des zweiten Weltkrieges, erblickte ich im Spital des Oberemmentals, kurz vor Weihnachten, als uneheliches Kind das Licht der Welt. - Ich bin mir bewusst, dass alles, was ich nun aus dieser Zeit erzähle, kaum zu glauben und nur schwer nachvollziehbar ist. Ich versichere aber, dass ich alles wahrheitsgetreu so erzähle, wie ich es selbst erfahren, erlebt und in späteren Jahren auch erforscht habe!
 
 
Meine Mutter und ich.
 
Fünf Tage bevor ich geboren wurde, heiratete mein Erzeuger nicht meine Mutter, mit der er lange Zeit verlobt war, sondern eine andere Frau, durch die er sich eine finanzielle Besserstellung erhoffte. - Nach Rückkehr aus dem Spital lebten meine Mutter und ich bei meinem Grossvater, dessen erste Frau verstorben und die zweite in einer psychiatrischen Klinik interniert war. Das heisst, für Kost und Unterkunft besorgte ihm meine Mutter mehrere Jahre den Haushalt. Um etwas Geld zu verdienen, fuhr sie mindestens einmal die Woche mit dem Fahrrad mehrere Kilometer weit zu einer Zahnarzt-Familie, um dieser die Wäsche zu besorgen und im grossen Haus Putzarbeiten zu verrichten. - Meine Mutter war ein Kind aus erster Ehe und hatte sieben Geschwister. Aus zweiter Ehe ihres Vaters kamen noch drei Halbgeschwister dazu. Alle sechs Brüder und auch die vier Schwestern waren alle erwachsen und lebten nicht mehr im Elternhaus. Das Haus, in dem wir wohnten, gehörte meinem Grossvater. Im Erdgeschoss lebten Mieter und im ersten Stock, in einer Wohnung mit drei kleinen Zimmern, mein Grossvater, meine Mutter und ich. Da war die Küche, mit einem Holzkochherd und einer Holzfeuerung für den Trittofen in der Wohnstube. Jeder Tropfen Wasser musste unten, im Schopf eines Neben-Gebäudes, an einem Sodbrunnen, geholt und hochgetragen werden. - Aussen, im steilen Treppenhaus, befand sich oben ein "Plumskloo". An Stelle von WC-Papier wurde zugeschnittenes Zeitungs-Papier verwendet. - Von der Küche, wo gleichzeitig auch gegessen wurde, gelangte man ins kleine Wohnzimmer, wo nebst dem Trittofen noch ein Tisch mit vier Stühlen stand. Von der Stube, wie das Wohnzimmer genannt wurde, konnte man ins Schlafgemach eintreten, wo der Wand entlang, auf gleicher Seite, am Fenster das Bett des Grossvaters und dahinter das Bett meiner Mutter stand. Als ich grösser wurde, schlief ich teils im Bett meiner Mutter und zur Abwechslung auch mal bei meinem Grossvater. Neben dem Bett meiner Mutter befand sich eine Tür, die ins Büro meines Grossvaters führte und weiter gab es dort eine Tür, durch diese das Büro ins Treppenhaus hinaus verlassen werden konnte. - In diesem Büro bekam ich erstmals in meinem Leben, aus einer Flasche meines Grossvaters, ein Schluck mit Himbeeren aromatisiertes Mineralwasser zu trinken. Ich war damals fest davon überzeugt, dass es etwas Besseres im Leben für den Gaumen nicht geben könne! 
 
 
 Mein Grossvater.
 
Mein Grossvater war Zimmermeister und hatte ein eigenes Geschäft, in dem er bis zu dreissig Arbeiter gleichzeitig beschäftigte. Nebst Wohnhäusern und einer grossen Mühle, baute er vorwiegend Bauernhäuser. Sämtliche Planungsarbeiten, und schliesslich auch die Abrechnungen, machte er selbst. Davon profitierten in erster Linie seine Auftraggeber. Dass schlussendlich auch er etwas verdienen sollte, entging ihm offenbar. Aus welchem Grund er als Unternehmer "nie auf einen grünen Zweig" kam, habe ich nie erfahren.
 
Ich erinnere mich, dass mich meine Mutter hinten auf dem Fahrrad mitgenommen hat, wenn sie meinem Grossvater, oder oftmals auch einigen Arbeitern, das zuvor gekochte Mittagessen auf die Baustelle bringen musste. Als ich noch ein Säugling war, schob sie mich angeblich zur kalten Jahreszeit jeweils auf einem Kissen beim Trittofen ins "Ofäguggäli", damit sie mich während ihrer Abwesenheit "in guter Obhut" wissen konnte. Beim "Ofäguggäli" handelte es sich um eine gewölbte Öffnung und einen grösseren Hohlraum, der von der Stube her, auf Höhe der Sitzfläche, zulänglich war. Weiter erinnere ich mich, dass ich in der Pflanzung, was heute, abgelegen vom Wohndomizil, Schrebergarten genannt würde, beispielsweise mit Würmern und Steinen spielte. Als ich noch grösser wurde, durfte ich oft zu Grossvater in die Zimmerei, die gleich hinten am Wohnhaus angebaut war. Dort spielte ich mit den schönen Hobelspänen und mit allerlei Holzklötzchen, die zum Verbrennen herumlagen. Dass ich jemals ein gekauftes Spielzeug bekommen hätte, daran kann ich mich nicht erinnern. Als ich noch grösser und älter wurde, nahm mich meine Mutter mit, um auf abgeernteten Äckern Kornähren einzusammeln, die wir anschliessend in die Mühle brachten und dafür Mehr bekamen. 
 
 
Grossvater und ich.
 
Im Alter von knapp drei Jahren, erkrankte ich an Kinderlähmung und Hirnhautentzündung, was eine Einlieferung ins damalige Jenner-Kinderspital in Bern erforderte. Dort verbrachte ich vierunddreissig Tage, die meiste Zeit in Quarantäne hinter Glas, zusammen mit einem kleinen Mädchen namens Heidi. An allfällige Besuche während dieser Zeit kann ich mich nicht erinnern, was mir aber in Erinnerung blieb ist das Heimholen durch den Grossvater. Er trug mich auf den Armen und bestieg mit mir ein Tram. Schon dies allein war ein grosses Erlebnis. Viel einprägsamer für mich war aber eine Banane, die er mir zum Essen mitbrachte. Ich glaube, es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine wunderschöne gelbe Banane sah und diese auch gleich noch essen durfte! - Zu Hause angekommen, musste ich mit Hilfe von zwei kleinen Spazierstöcken über lange Zeit von Grund auf neu laufen lernen, denn meine Beine waren nach wie vor gelähmt. An diese Zeit kann ich mich besonders gut erinnern und dass ich wieder gesund werden durfte, grenzt für mich nach wie vor an ein grosses Wunder! Einerseits weiss ich, dass meine gelähmten Beine und mein Rücken regelmässig mit einer Salbe aus Fett von Murmeltieren eingerieben wurden. Anderseits weiss ich auch, dass meine Mutter, als sehr gläubige Frau, Gott als unseren Vater im Himmel, unermüdlich um Heilung meiner Krankheit bat.
 
Als ich langsam ins schulpflichtige Alter kam und meine Mutter unbedingt Geld verdienen sollte, wurde für mich ein Pflegeplatz gesucht. Vermutlich kam ich versuchsweise als Erstes zu meiner Gotte. Diese hatte weder ein Zimmer noch ein Bett für mich frei, weshalb ich die Nacht zusammen mit ihrem älteren Sohn im gleichen Bett verbringen musste. Weil ich aber während des Schlafens das Bett nässte, wollte keiner ihrer Söhne eine weitere Nacht mit mir im gleichen Bett verbringen. Und so kam ich als nächstes zur Familie des einen Taufpaten, wo ich schätzungsweise etwa zwei Wochen bleiben konnte. Bei diesem Taufpaten handelte es sich um einen Bruder meiner Mutter und dessen Frau, die sehr an Asthma litt. Zusammen hatten sie einen Sohn im gleichen Alter wie ich, mit dem ich mich eigentlich gut verstand. Meine kranke Tante fand aber, wir zwei Buben wären für sie eine zu grosse Belastung, weshalb ich auch hier nicht bleiben konnte. Da war noch ein zweiter Taufpate, der mit einer Schwester meiner Mutter verheiratet war. Die beiden hatten eine Tochter und einen Sohn, deren Altersunterschied vier Jahre betrug. Das heisst, die Tochter war fünf Jahre älter als ich und der Sohn ein Jahr. Mit ihnen durfte ich das erste Jahr meiner Schulzeit verbringen. Ich fühlte mich in dieser Familie richtig zu Hause und wir Buben verstanden uns und lebten wie Brüder miteinander. Weshalb ich nach diesem ersten Schuljahr dort wegziehen musste, habe ich nie erfahren. Ich weiss einfach, dass wir oft Schläge bekamen und mehrmals gemeinsam für einige Zeit in den Keller gesperrt wurden.
 
Da meine Mutter inzwischen in einem Altersheim als Hilfspflegerin tätig war und mich nicht zu sich nehmen konnte, kam ich ab dem zweiten Schuljahr erstmals als Verdingbub auf einen Bauernhof. Und damit sind wir in etwa da angelangt, wo der erste Teil meiner Erzählungen begann.
 
05.09.2012 Peter Lanz



 

Scheu wie ein Reh

Während der Zeit, als ich als Verdingbub lebte, durfte ich einmal im Monat, an einem Sonntag, meine Mutter besuchen. Bei ihr konnte ich mich ausweinen, bei ihr konnte ich mein gebrochenes Herz ausschütten. Meine Mutter verstand mich, fühlte und trauerte mit mir, versuchte aber auch immer wieder, mich aufzurichten und mir Mut zu machen. Kaum war ich wieder auf dem Bauernhof, hiess es: „Ja, man merkt es wieder gut, deine Mutter hat dich gegen uns aufgehetzt!“ Diese Behauptungen verletzten mich zu tiefst und taten meiner Seele unsäglich weh! Gleichwohl bemühte ich mich dann ganz besonders lieb, artig und dankbar zu sein, denn ich wollte mit ihnen möglichst in Frieden leben!

An den übrigen Sonntagen, wenn ich meine Haus-, Stall- und Feldarbeiten verrichtet hatte, verbrachte ich meine freie Zeit zu jeder Jahreszeit meistens ganz alleine im Wald. Ich kannte weit herum jedes Rehweglein, jede Dachshöhle, jedes Waldameisenvolk, jede Quelle, jedes Rinnsal, beinahe jeden Baumstrunk und alles, was es im Wald sonst noch zu entdecken gab. Erblickte ich ein Wildtier, hielt ich mich augenblicklich wie angewurzelt still und so konnte ich oftmals über lange Zeit beispielsweise Rehe beobachten. Nahm ich aber irgendwo die Anwesenheit eines Menschen wahr, verhielt ich mich scheu wie ein Reh und liess mich keinesfalls blicken. – Ja, ich war ausgesprochen menschenscheu!

Auch meine beiden Schulwege führten mich jeweils ziemlich weit durch den Wald. Während ich auf dem Schulweg an meinem ersten Pflegeplatz unterwegs noch andere Kinder treffen konnte, musste ich den langen Schulweg durch den Wald an meinem zweiten Pflegplatz alleine zurücklegen. Und so waren meine Erlebnisse und meine Verhaltensweisen auf dem Heimweg von der Schule nicht selten ähnlich wie sonntags während meiner Freizeit.

Aber auch sonntags, wenn ich meine Mutter besuchen durfte, führte mich der Weg jeweils weit durch den Wald und in den Wintermonaten, wenn ich mich auf dem Heimweg befand, war es oftmals schon dunkle Nacht und ich fürchtete mich sehr. Den weiten Weg legte ich jeweils zu Fuss zurück, den Fahrgelegenheiten gab es keine. Abends, auf dem Rückweg, begleitete mich meine Mutter oft noch ein Stück weit.

Eines Abends, als ich mich auf dem Heimweg durch den finsteren Wald befand, war es dermassen dunkel, dass ich mich oben nach den Waldlichtungen orientieren musste, um den Verlauf des Weges zu erkennen. Plötzlich tauchte ein winzig kleines Lichtlein auf und ich hörte, dass jemand immer näher auf mich zugelaufen kam. Mir blieb vor Angst beinahe das Herz stehen, schritt aber gleichwohl mutig weiter. Und schliesslisch stand jemand vor mir. Ich erkannte, dass es sich beim kleinen Lichtlein um die Glut einer brennenden Zigarette handelte, ein Gesicht jedoch erkannte ich keines. Eine Männerstimme fragte mich: „Bisch du der Schideggbueb?“ Ich sagte: „Ja.“ Dann ging der Mann weiter und ich habe bis heute keine Ahnung, wer mir damals begegnete.

Aber auch auf meinem Schulweg war es in den Wintermonaten morgens, wenn ich zur Schule ging und abends, wenn ich mich auf dem Heimweg befand, im Wald dunkle Nacht und nicht selten verspürte ich Angst und dies hatte natürlich seinen Grund!

Abends, nach getaner Arbeit, sassen der Melker, der Karrer und ich vor dem zu Bett gehen meist noch eine Weile im Stall auf der kleinen Bank oder auf einer Strohballe und unterhielten uns. Das heisst, häufig erzählten sie mir Schauergeschichten jeglicher Art und dies dermassen glaubwürdig, dass ich in meiner kindlichen Naivität ihnen jedes Wort glaubte. So sollte beispielsweise auf dem Weg, auf dem ich normalerweise zur Schule ging, nachts schon mehrmals ein Leichenzug in Erscheinung getreten, der still und schweigend davonzog. Wenn nun aber jemand, der dies sah, den Mund aufmachte, wurde diese Person auf Lebzeiten taub und stumm. Oder auf dem Weg durch den Wald, den ich gehen musste, wenn ich vom Besuch meiner Mutter zurückkam, würde bei einem dortigen Brünnlein häufig eine mannsgrosse weisse Katze in Erscheinung treten. Auch diese dürfe man nicht beachten, sondern müsse ganz unauffällig an ihr vorbeigehen, sonst bringe dies Unglück!

Tagsüber hingegen fühlte ich mich wohl im Wald, kannte keine Angst und liebte das Alleinsein! – Eigentlich war ich als Kind immer alleine und Spielkameraden hatte ich keine, denn auch in der Schule wurde ich als „numä a Verdingbueb“ ausgegrenzt.
Mein Selbstwertgefühl konnte sich nie wirklich entfalten. In der Schule hiess es: „Du bisch ja numä a Verdingbueb“. An meinem Pflegeplatz musste ich hören: „Du bisch sowieso am Tüüfu vom Charrä gheit – us dir wird nie öppis!“ – Und so muss ich noch heute immer wieder gegen die erlittenen Erniedrigungen ankämpfen, denn mein Selbstwertgefühl ist nach wie vor gebrochen und ich ziehe mich, menschenscheu wie ich geblieben bin, wenn immer möglich und mit Vorliebe – heute jedoch in Begleitung unseres kleinen Hundes - zurück in den Wald, wo ich möglichst niemandem begegne!

Wer mich heute persönlich kennt, wird dies vermutlich kaum glauben, denn ich habe gelernt, diese Gefühle zu überspielen und zu tun, als ob alles in Ordnung und bestens wäre! - Ja, ich kam mir in meinem Leben immer wieder vor wie ein Schauspieler, der eine Rolle zu spielen hatte, oder wie ein Clown, der die Menschen zum Lachen bringt, in tiefster Seele jedoch weint!

29. Juni 2014                                                                                            Peter Lanz

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