Sonntagsschule


 

Sonntagsschule

Soweit ich mich zurück erinnern kann, ging ich als Kind zur Sonntagsschule und mit mir zusammen mehrere Dutzend andere Kinder auch. Das heisst, in dem Saal des Vereinshauses, wie es genannt wurde, versammelten sich Kinder im Vorschulalter bis hin zu Beginn des Konfirmanden-Unterrichts und es schien, als vermochte sie Kinder jeden Alters zu faszinieren und zu begeistern. Bei der Sonntagsschul-Lehrerin handelte es sich um eine alte, grosse und schlanke Frau, die immer schwarze Kleider trug und Lydia Jost hiess. Gelegentlich war auch ihre erwachsene Tochter, genannt Meieli, zugegen und beide Frauen liebte ich aus ganzem Herzen. Lydia konnte so schön und für alle gut verständlich Geschichten erzählen wie kaum jemand anders und ich bin mir sicher, dass sie es Sonntag für Sonntag aus Berufung und unentgeltlich tat. – Natürlich gilt es zu bedenken, dass wir damals all die elektronischen und sozialen Empfangsgeräte, wie sie heute für alle Kinder jeden Alters beinahe selbstverständlich sind, nicht kannten. Entsprechend freuten wir uns, am Sonntag von Lydia biblische Geschichten wunderschön und eindrücklich erzählt zu bekommen! Das heisst, wir sangen auch viele Lieder und selbstverständlich wurde auch gebetet. Es gab drei Lieder, die mir ganz besonders gut gefielen und die mich mit Sicherheit für mein Leben geprägt haben. Es sind Lieder, die ich noch heute für mich ab und zu gerne singe und deren Worte mich heute immer noch berühren.

 

         E guete Hirt
 

  1. Es het emal vor Zyte,
    e riche guete Maa,
    uf sine schöne Weide.
    wohl hundert Schäfli gha.
    Die si dert fröhlich gschprunge,
    s‘ het keis e Mangel g‘ schpürt.
    E guete Hirt, e guete Hirt,
    hetts treu versorgt und gfüehrt.

 

  1. Doch eis vo nene Schäfli,
    louft vo der Herde wäg,
    chunnt i ne grossi Wüeschti,
    uf schüli böse Wäg.
    U Dörn heis ganz verzuset,
    der Wolf hetts packt no schier.
    O guete Hirt, o guete Hirt,
    dis Schaf hett sich verirrt.

 

  1. Der Hirt hetts chum erfahre,
    du hett er d‘ Schäfli zellt,
    u gschwind isch är ga sueche,
    das Eine, wo nim fählt.
    Er hett ihm grüeft u glöcket,
    us uf e Heiwäg gfüehrt.
    Dä gueti Hirt, dä gueti Hirt,
    da suecht, was sich verirrt.

 

  1. Fasch hetts nid chönne loufe,
    är hetts uf d‘ Achsle gno,
    so isch es wohlbehalte,
    zrügg zu de andere cho.
    U aui heis betrachtet
    u hei sech härzlech gfreut.
    E guete Hirt, e guete Hirt,
    hetts hei zur Herde treit.

 

  1. Säg mir, was das bedütet,
    wär wohl das Schäfli sig,
    u wär ihm voller Liebi
    nahgange isch so treu?
    Verlore, gsuecht u gfunde,
    das Schäfli, das bin‘ ig.
    Der gueti Hirt, der gueti Hirt,
    das muess mi Heiland si!

 

 

         Weil ich Jesu Schäflein bin

 

  1. Weil ich Jesu Schäflein bin,
    freu ich mich nun immerhin
    über meinen guten Hirten,
    der mich wohl weiss zu bewirten,
    der mich liebet
    der mich kennt
    und mich bei meinem
    Namen nennt.

 

  1. Unter seinem sanften Stab
    geh ich aus und ein und hab
    unaussprechlich süsse Weide,
    dass ich keinen Mangel leide,
    und so oft ich durstig bin,
    führt er mich
    zum Brunnquell
    hin.

 

  1. Sollt ich denn
    nicht fröhlich sein,
    ich beglücktes Schäfelein?
    Denn nach diesen Erdentagen
    wird ich endlich heimgetragen
    in des Hirten Arm und Schoss:
    Amen, ja mein Glück
    ist gross.

 

        Gott ist die Liebe

 

  1. Gott ist die Liebe,
    lässt mich erlösen,
    Gott ist die Liebe,
    er liebt auch mich.
    Drum sag ich’s noch einmal:
    Gott ist die Liebe,
    Gott ist die Liebe,
    er liebt auch mich.
  2. Er sandte Jesus,
    den treuen Heiland;
    er sandte Jesus
    und macht mich los.
    Drum sag ich’s noch einmal: …
  3. Jesus, mein Heiland,
    gab sich zum Opfer,
    Jesus, mein Heiland,
    büsst meine Schuld.
    Drum sag ich’s noch einmal: …

 

 

Am Schluss des Unterrichts bestimmte Lydia jeweils ein Kind, das mit dem Sonntags-schulkässeli die durch die Kinder mitgebrachten Geldstücke einsammeln durfte. Dies war so quasi der Höhepunkt der Stunde und darauf freuten sich alle, denn auf dem Kässeli stand ein Negerbuebli das dankend mit dem Kopf nickte, sobald eine Münze eingeworfen wurde. – Ja, und eines kann ich mit Sicherheit sagen: Für uns alle war Negerbuebli kein abwertendes Schimpfwort, sondern viel eher ein lieblicher Kosenamen! – Und schliesslich beim sich verabschieden schenkte Lydia allen Kindern noch ein kleines farbiges Bildli mit einem frommen Spruch darauf, zum mit nach Hause nehmen. Ich mochte diese Bildli und freute mich immer sehr darüber. Wo diese dann aber schliesslich hingekommen sind, weiss ich leider nicht und ich bedaure dies sehr. Der eigentliche Höhepunkt aber war immer die Sonntagsschul-Weihnacht, weil da bekamen alle ein schönes Geschenk. Zum Beispiel einen Teller, das nächste Jahr eine Tasse und danach ein Trinkglas und alles immer mit einem aufgemalten Bild aus einer biblischen Geschichte. Dazu bekamen wir zur Gaumenfreude jeweils auch noch einen Weihnachtsring, zu vergleichen mit einer Brezel. 

Mit acht Jahren kam ich zu einem Bauern als Verdingbub. Aber auch dort schien es selbstverständlich zu sein, dass ich zur Sonntagsschule ging. Diese war auf einem entfernten Bauernhof, in dessen Wohnstube sonntags Sitzbänke gestellt wurden, auf denen sich die Kinder versammeln konnten. Hier war es meist die Bäuerin und zur Abwechslung auch mal der Bauer, die für uns Kinder den Unterricht gestalteten. Auch wenn es in ähnlichem Rahmen ablief, vermisste ich bei den beiden die tiefe und herzliche Beziehung, wie ich sie bei Lydia verspüren und erleben durfte!
Ja ich glaube, gerade diese innige Beziehung, das Vorleben des tiefen Glaubens beim Erzählen der biblischen Geschichten ist es, was ein Kind auf Dauer zu prägen vermag. Wir waren nicht bloss zur Unterhaltung in der Sonntagsschule, sondern durch Lydia schienen wir immer wieder von Jesus direkt und ganz persönlich angesprochen zu werden.

Später, als ich verheiratet war, erteilte auch meine Frau in unserer reformierten Landeskirche unentgeltlich Sonntagsschule. Seit Jahren aber gibt es in unserer Kirche im Quartier keine Sonntagsschule mehr. Dafür hin und wieder einen Gottesdienst der sich „Fyre mit de Chlyne“ nennt und gehalten wird durch unsere Pfarrerin. So beispielsweise am Palmsonntag 2015, unter Mithilfe eines Teams, wird die Geschichte „Von der kleinen Raupe, die kein Schmetterling werden wollte“, gespielt und erzählt.

Ja, die Zeiten ändern sich halt!  

 


 


 

 

 


 

 

 

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